Hannover – UNESCO World City of Music Kommt der Tango gar aus Hannover-Linden?

für Don Hector Lorenzo Lucci

 

Gut, dass der Tango aus Südamerika, vom Río de la Plata stammt, ist eine schwer bestreitbare Tatsache. Das hatte schließlich schon im Oktober 2009 die UNESCO festgestellt und setzte ihn deshalb auf die „Repräsentative Liste des immateriellen Weltkulturerbes“, sowohl den Tango als Tanzstil, aber auch als Musikform.

Mit ihm wurde auch sein stilbildendes Instrument, das Bandoneón, allerdings nur das, welches der argentinischen oder rheinischen Tonlage entspricht, das 142 Töne umfassende, dazu gerechnet.

Wer kennt ihn nicht?

 

Kein anderer südamerikanischer Tanzstil hat in seinen unterschiedlichen Erscheinungsformen, wie zum Beispiel „Tango Valse“, „Tango Milonga“ oder einfach nur „Tango Tango“ die Welt erobert und überall ist es für die Menschen ein Genuss, sich in den sanften, sinnlich romantischen Rhythmen zu wiegen. An dieser globalen Popularisierung hatte natürlich die Verbreitung von Musik auf Tonträgern erheblichen Anteil gehabt. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

links: Phonograph Edison "Idelia",1907,

verkauft für 40.000 US$, World Record Price (1)

 

 

Anfangs waren es die Wachswalzen von Thomas Alva Edison, der 1878 den von ihm erfundenen Phonographen als seine Erfindung schützen ließ. Mit dem Phonographen konnten die Walzen abgespielt werden. 1870 wanderte der umtriebige Emil Berliner zusammen mit einem Bekannten, Nathan Gotthelf, einem Freund der Familie Berliner, in die USA aus, um sich dem Militärdienst in der preußischen Armee zu entziehen.

 

Zunächst ließ er sich in Washington D.C. nieder. Nach kurzer Eingewöhnungszeit arbeitete er dort drei Jahre lang in dem Kurzwarengeschäft Gotthelf, Behrend & Co. Dann ging er 1875 nach New York und verdingte seinen Lebensunterhalt mit den verschiedensten Tätigkeiten. Zuletzt als Flaschenspüler in dem Labor von Constantin Fahlberg, dem Entdecker des Saccharin.

 

Nach der Arbeit studierte er am Cooper Institute und richtete sich in seiner Wohnung ein kleines Labor ein. Dort führte er Versuche mit elektrischen Geräten durch. Ihm gelang es als erster ein funktionsfähiges Mikrophon für den bereits existierenden Telefonapparat zu entwickeln, welches die Gleichlaufschwankungen hinsichtlich der Sprachübertragung reduzierte, bzw. die Sprachübertragung an sich voluminöser gestaltete und erheblich verbesserte. Diese Erfindung kam später in den Telefonen Graham Bells zum Einsatz. Und er konnte es 1877  (2) an die Graham Bell Telephone Company für 50.000 US-$ (nach heutigem Umrechnungskurs ca. 850.000,- US$) verkaufen. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

rechts: Das Grammophon von Emil Berliner, 1890 

Schallplatten kamen zunächst aus der Spielwarenfabrik Kämmerer, Reinhardt & Co,

Waltershausen Provenienz:

Aus dem Besitz der Nachfolger des ursprünglichen

Emil-Berliner-Tonstudios in Hannover. (3)

 

Von diesem Geld lebte er eine zeitlang komfortabel und wirtschaftlich unabhängig. Außerdem richtete er sich ein professionelles Labor ein. Von 1881 bis 1883 hielt er sich in seiner Heimatstadt Hannover auf und gründete selbst zusammen mit seinem Bruder Joseph in der Kniestrasse eine Telefonfabrik, in der später auch die Schellackplatten gepresst wurden und die deshalb heute Grammophonfabrik genannt wird. Immerhin war dies die erste und auch größte Telefonfabrik in Europa. Wieder zurückgekehrt in die USA widmete sich Emil Berliner weiter seinen phonographischen Studien. 

Die Erfindung von Grammophon und Schallplatte

Und schon wenig später machte seine bahnbrechende Erfindung Furore: Die ließ er, also den Tonträger (die Schallplatte) und das Gerät zur Wiedergabe (das Grammophon), (Amerikanische Pat.-Nr. 15232 bzw. No. 372, 786, bzw. No. 534, 543 , United States Patent Office, am 8.11.1887 (4) erteilt), patentieren. 

 

Anfangs war das Interesse in den USA am Grammophon nicht so groß, denn es mussten zunächst noch ein paar Schwierigkeiten bezüglich des Gebrauchs des Grammophons beseitigt werden. So gab es keinen permanenten Antrieb (der Federmotor war noch nicht erfunden) und das Gerät musste mit einer Handkurbel betrieben werden. Außerdem hatte Edison den Zylinder-Phonographen verbessert und feierte damit auf der Weltausstellung 1889 in Paris große Erfolge.

 

Emil Berliner dagegen hielt sich für ein Jahr in Hannover auf und tüftelte zusammen mit seinem Bruder Joseph in Hinterhofwerkstätten in der Kanalstrasse, Andreastrasse 2a, Hedwigstrasse 3 und in der Neuen Strasse, bevor sie in die Kniestrasse wechselten. Inzwischen war die Erfindung soweit gereift, dass sie einen Hersteller suchten und ihn schließlich auch fanden: Die Spielzeugfabrik Kämmer & Reinhardt in Waltershausen.

Die Schallplatten wurden anfangs von dem Frankfurter Fabrikanten Louis Rosenthal hergestellt. (5)

 

Der große Durchbruch des Grammophons gelang Berliner in den USA jedoch erst einige Jahre später. Der Vorteil gegenüber dem Phonographen war groß, denn für die Anfertigung einer Schellackplatte musste lediglich eine Mutterplatte vorliegen und kopiert werden. So konnte nach Belieben und vor allem schneller eine Vielzahl von Kopien erstellt werden. Als die Kinderkrankheiten überwunden waren, schossen neue Firmen wie Pilze aus dem Boden und immer mehr Künstler erweiterten ihr œvre, nämlich um die Komponente, ihre Werke auf Tonträgern zu veröffentlichen. 

 

„Die Dauer der Aufnahmen schwankt zwischen 2 bis 5 Minuten, jedoch ist die übliche Plattengröße, 25,8 cm = 10“ Durchmesser, entsprechend einer Zeit von 3 Minuten.“ (6) so schrieb es mal der Direktor der Favorite Record, Otto Birckhahn (7) in einem Artikel über die „Schallplatten-Fabrikation“ des Supplements „Technische Rundschau“ des „Berliner Tageblatt“ von 1909. Diese drei Minuten Länge entsprechen auch im heutigen Digitalzeitalter immer noch dem Maß der Hörgewohnheiten der Konsumierden für einen erfolgreichen Kassenschlager der Musikbranche.

 

Diese sensationelle Erfindung beschränkte ihren Erfolg nicht nur auf den amerikanischen Kontinent, sondern auch in Europa war Emil Berliner bekannt und machte glänzende Geschäfte. Während die von ihm in den USA gegründete Grammophon Company & Co einen rasanten Aufschwung verzeichnete, nutzte er die in Hannover bestehende Telefonfabrik seines Bruders als Basis für die Expansion in Europa. Zuerst verwendeten die Brüder die Räumlichkeiten in der Kniestrasse für die Herstellung von Telefonapparaten, doch schon bald wurde dort die Produktion von Schallplatten und Sprechmaschinen (8) aufgenommen und vorangetrieben (s.o.).

 

Kurze Zeit später war die Kapazität der phonographischen Industrie und die Produktion von Schallplatten so stark angestiegen, dass die Brüder beschlossen, ihre Produktionsstätte zu verlegen, denn das Platzangebot in der Kniestrasse war schlichtweg zu gering. Deshalb beschlossen die Brüder die Deutsche Grammophon Gesellschaft am 6. Dezember 1898 zu gründen und verlegten die Plattenproduktion und das Presswerk in die Podbielskistrasse 158-166, um die Tonträger herzustellen.

 

Am 1. Januar 1900 wurde die Gesellschaft in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, wobei 40 % der Aktien in der hannoverschen Niederlassung blieben und der Rest auf die britische Muttergesellschaft, der Grammophone Company & Typewriter Ltd. & Co, ebenfalls eine Niederlassung Emil Berliners, in Hayes bei London übertragen wurden. Später, ab 1906, nach seinem Rückzug aus der Telefonfabrik, war Joseph Berliner Aufsichtsratsvorsitzender der Mechanischen Weberei in Hannover-Linden, an der Stelle, an der sich heute das Ihme-Zentrum befindet. (9) 

Ein Mitbewerber aus der Nachbarschaft                    – Die FAVORITE RECORD

 

Zeitungsannounce der Favorite Record Act. Ges. (1912)

 

Ebenfalls in denselben Zeitraum fällt die Gründung einer weiteren Plattenirma, deren Presswerk in Hannover-Linden beheimatet war: Die FAVORITE RECORD. In der einschlägigen Literatur sind verschiedene Gründerväter und Zeitpunkte vermerkt. Der älteste Eintrag geht auf das Jahr 1898 zurück. Auf der Internetseite www.grammophon-platten.de ist in einem Eintrag ein gewisser Alexander Morris Newman als Gründer der „Union-Commerce, G.f.P.=B.m.b.H. (Patent holders) genannt. Dort ist jedenfalls als Sitz der Firma Berlin (Kurstrasse 51) und als Produktionsstätte die Leinaustrasse 27 in Hannover-Linden erwähnt worden (11 und 12).

Hier ist die Berichterstattung nicht eindeutig, was zunächst einmal nicht so verwunderlich ist, denn die Bandbreite der Produkte des Schallplatten- und Grammophonmarktes Anfang des 20. Jh. war ein regelrechter Dschungel zwischen den ständigen neuen Erfindungen, Patenten und Rechten gewesen.

Konkreter wird es erst durch einen Eintrag im Handelsregister, wie in der Ausgabe 37 des 5. Jg. vom 14. September 1904, Seite 669  zu lesen ist: "Im Handelsregister eingetragen wurde die Schallplattenfabrik Favorite G.m.b.H. , Berlin, Stammkapital 300.000 M. Geschäftsführer Ingenieur Otto Multhaupt und Kaufmann Fritz Kindermann." (http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/0008/bsb00088720/images/index.html?id=00088720&groesser=&fip=xdsydeayaxseayayztsenxdsydenewqeayaenw&no=3&seite=697)

 

Was sich nun mit einer gewissen Sicherheit beschreiben lässt, ist, dass durch den Erfolg in der Herstellung von Schallplatten beflügelt, unter der technischen Leitung der Toningenieure und -techniker Otto Multhaupt und Otto Birckhahn beschlossen worden ist, in Hannover-Linden, dass zu diesem Zeitpunkt noch eine eigenständige Industriestadt war, ein Presswerk zu errichten. Beide hatten bei dem Berliner Ableger der Deutschen-Grammophon-Gesellschaft gelernt und gearbeitet. 1904 siedelten sie nach Hannover-Linden um und führten das Unternehmen eben in der Leinaustrasse 27 unter dem Dach der Tapetenfabrik Brackebusch weiter.

 

Warum die beiden ausgerechnet nach Hannover gingen ist nicht bekannt, liegt aber auf der Hand, denn wie schon erwähnt, hatten die Brüder Emil und Joseph Berliner mit einer Kapitalspritze des Bruders Emil, die Firma DeutscheGrammophon-Gesellschaft in Hannover gegründet. 

Ein Blick in die Produktionstätte der Favorite Record, Leinaustrass 27 Hannover-Linden (13) Von links nach rechts: Dreherei - Presserei - Galvanoplastik  (zur Vergrößerung der Bilder einfach anklicken)

Wenig später stieß Max Birckhahn, der jüngere Bruder Otto Birckhahns zu der Firma als Aufnahmetechniker hinzu, und die Favorite Record wurde zu einem ernstzunehmenden Global Player der Schallplattenindustrie mit einem Output von insgesamt fast 30.000 Aufnahmen. Neben Volksmusiken, Rheinländern, Walzern und Weihnachtslieder hatte sich die Plattenfirma auf internationale Musik spezialisiert. Heute wird solche Musik vielleicht dem Genre "World Music" zugeordnet. Beispiele hierfür gibt´s unzählige.

1905 wurden der erste Titel in türkischer Sprache aufgezeichnet. Und in der Augustausgabe des Verkaufsjournals „Die Sprechmaschine“ hatte die Favorite Record mehr als 600 verschiedene Platten mit nahöstlicher Musik im Angebot. Darunter zählten 390 Titel in türkischer, 200 in ägyptischer und 37 in griechischer Sprache. Exotische Musik war damals en vogue, weshalb die Firma expandierte und Aufnahmen in Konstantinopel (Istanbul), Smyrna (Izmir), Kalkutta, Kairo, aber auch in Porto Alegre, Rio de Janeiro oder in Buenos Aires anfertigte. Überall auf der Welt bahnten die Techniker der Favorite Record Kontrakte mit internationalen Musikern an, um die Nachfrage nach exotischen Musiktiteln zu bedienen (14), was den hiesigen Markt betrifft. Auf der anderen Seite bot sich hier aber auch ein weiteres Geschäftsfeld: Schallplatten für die Konsumenten der Länder zu produzieren, in denen die Aufnahmen gemacht wurden.

Die FAVORITE RECORD und der Tango 

Plattenlabeletiketten der Favorite Record (17) (zum vergrößern einfach anklicken)

Argentinien, dass um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhunderts zu den reichsten Ländern der Welt zählte und wo in vielen Haushalten schon Phonographen und Grammophone vorhanden waren, war ebenfalls ein bevorzugter Absatzmarkt für Tonträger geworden und somit ein interessantes Betätigungsfeld der Favorite Record. Aber nicht nur das, sondern die Möglichkeit, Musik auf Tonträgern zu konservieren, bedeutete für viele Komponisten und Orquestras Típicas, die von ihnen geschaffenen Tangos einem breiten Publikum zugänglich zu machen.

 

So ist leicht zu erklären, dass Max Birckhahn mit einem Aufnahmeteam nach Porto Alegre (Brasilien) zog und dort die ersten Aufnahmen mit brasilianischen und argentinischen Musikern in dem Aufnahmestudio La Casa Faulhaber machte. Darunter zählten neben Polkas und Mazurkas auch Tangos. Anschließend kehrte er mit den Matrizen nach Linden zurück und ließ die Aufnahmen auf Platte pressen. In der Casa Faulhaber sind z.B Tangos wie „Cidade Nova“, „Os Carapicus“, „Miranda“ oder „Renitente“, allesamt eingespielt von dem hauseigenen Orchester, der „Banda da Casa Faulhaber & Cia.“ entstanden.

 

Insgesamt sind mehr als 200 Titel unter der Regie von Max Birkhahn für das Lindener Plattenlabel Favorite Record in Porto Alegre eingespielt worden (15). Zeugnisse dafür, dass derlei Musikstücke dort aufgenommen wurden, sind auf den Schallplatten zu hören, denn es war üblich, dass am Anfang der Plattenaufnahme oftmals der Interpret des jeweiligen Musikstückes, das Orchester oder sogar das Aufnahmestudio erwähnt hatte. Wie z.B. bei dem 1910 auf Favorite Record erschienene Stück „Samba em Casa de uma Baiana“, wo durch lautes Rufen das Orchester „Conjunto de Casa Faulhaber“ vorgestellt wird.  

Unter den Aufnahmen befinden sich eben auch eine Reihe von Tangos, und sogar die Nationalhymne Uruguays ist vertreten. 

 

Inzwischen ist die Favorite Record zu einer der größten Plattenfirma Deutschlands aufgestiegen und 1912 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt worden. Einer der wichtigsten Köpfe der Casa Faulhaber, mit dem auch Max Birckhahn von der Favorite Record zusammenarbeitete, war der nach Porto Alegre ausgewanderte Italiener Savério Leonetti.

 

Jener war der Musikagent und Impresario, der etliche berühmte Tangomusiker wie Francisco Canaro (Violine und Orchesterleitung), Pedro Polito (Bandoneón), Roberto Firpo (Orchesterleiter und Pianist - führte das Klavier in den Tango ein), Juan D´Arienzo (Violine, Orchesterleiter und Neffe von Carlos Nasca) „El Tano“ Genaro Espósito, Ángel Villoldo (Komponist), Alfredo Gobbi (Violine, „Die Violine des Tango“ Orchesterleiter und Komponist) und noch etliche weitere zu Aufnahmen in das Tonstudio La Casa Faulhaber holte. (16)

 

Über Aufnahmen, die für die Favorite Record in Buenos Aires gemacht worden sind, kann der versierte Sammler Hector Lorenzo Lucci höchst interessante Auskünfte erteilen, bzw. hat er schon verloren geglaubte Schätze wiederveröffentlicht: So lässt sich auf der von ihm editierten Cassette der Titel „LA IMAGEN DEL PAYADOR (vals)“ „Los Payadores Vol. I – II von Antonio Gaggiano por A. Gaggiano (1881-1955), argentino, Disco FAVORITE RECORD Catalogue-No.1-485007, M7714, 1914.“ (18) finden.  

Orquestra Típica Francisco Canaro

Emilio Marchiano (Violine), Luis Teisseire (Flöte), Francisco Canaro (Violine), Leopoldo Thompson (Gitarre, Kontrabaß), (obere Reihe) -

Pedro Polito (Bandoneón). Francisco Schultz (Toningenieur), Alfredo Améndola (Besitzer des Label „Atlanta“), Savério Leonetti (untere Reihe) (19)

 

Zur Identifizierung: Das Matrizen- und Katalognummernsystem 

Dass die Aufnahmen in Buenos Aires / Argentinien gemacht worden sind und auch von wem, findet sich in den Forschungsberichten des niederländischen Musikwissenschaftlers Hugo Strötbaum, der eine umfangreiche und sehr detailierte Arbeit über die Favorite Record präsentierte. Ihm zufolge haben die in Argentinien aufgenommenen Favorite Record(s), einen Ländercode in ihrer Katalognummer. In dem oben genannten Beispiel (La Imagen del Payador 1-485007) steht die „48“ für Schellackplatten, die in Argentinien aufgenommen wurden.

 

Hugo Strötbaum geht davon aus, dass in Buenos Aires mehr als 300 verwertbare Aufnahmen auf Platte gepresst worden sind. Als Toningenieur in Buenos Aires stellt er den unter den Code-Abkürzungen „s/t/w“ firmierenden Mitarbeiter der Favorite Record Wilhelm Winkel vor, der neben den Aufnahmen in Argentinien auch noch in Ecuador 272 Aufnahmen, hauptsächlich mit folkloristischen Musikstücken arrangierte. (20)  

 

Noch etwas Besonderes entstand mit der Firma Favorite Record was heutzutage insbesondere die Sammler von Schellackplatten interessiert: Um die Urheberschaft und eine Listung der veröffentlichten Platten zu gewährleisten benutzte die Favorite Record ein Katalog- und Matrizennummernsystem, das dem der Gramophone Company sehr ähnlich ist. Das macht es heute recht einfach eine Diskographie zu erstellen. Die Katalognummer besteht ebenfalls aus einem Zahlencode, der bei Favorite Record jedoch anders aufgebaut ist: Zuvorderst steht eine Ziffer als Indikator für die Plattengröße, getrennt durch einen Bindestrich folgt die eigentliche Katalognummer.

Die Indikatoren waren: 0 für Platten mit 7“, 1 für solche mit 10“ und 2 für jene mit 12“ Durchmesser. Die 0 für 7“ Platten wurde der Einfachheit halber samt Bindestrich weggelassen. Die Katalognummer beginnt mit dem Ländercode (siehe oben). Ihr folgt in der Regel eine vierstellige Ziffernfolge. Die erste Ziffer bezieht sich auf die Publikationssprache, die zweite auf den Inhalt. Verwendet wurde beispielsweise 2-35003 Luria, Berlin 10. 4. 1906 2 = 12“ Platte, 35 = Italien, und 003 = Sologesang, männlich. War eine Katalognummernserie aufgebraucht, so wurde der eigentlichen Katalognummer entweder der Buchstabe x oder eine Null (0) vorangestellt. So verhielt es sich anfänglich. Mit Vergrößerung des Repertoires, also der Darbietungsformen der Künstler änderten sich auch die Länge der Katalognummern. Es wurden weitere Merkmale für den Charakter der Aufnahme eingeführt. Wie sich das genau verhält ist noch nicht erforscht. 

Die Matrizennummer besteht, wie bei der Gramophone Company, in der Regel aus einer chronologisch aufsteigenden Zahl und einem Trennungszeichen gefolgt von einem Kleinbuchstaben. Auf manchen Platten aus der Anfangsphase findet man zusätzlich ein Präfix in Form eines Buchstabens oder einer Buchstabenfolge. Der Schlüssel zu diesem Organisationssystem ist folgender: Jeder Aufnahmetechniker bekam in der Regel 4 aufeinanderfolgende Kleinbuchstaben, entsprechend den Plattengrößen 7“, 10“, 12“ und 10 3/4“, als Erkennungsmerkmal zugeteilt. Er hatte also optional 4 eigene Aufnahmeserien zu betreuen. Mit dem Ausscheiden aus der Firma wurden die ihm zugeteilten Serien gestoppt.

 

Code-Buchstabe

Aufnahmetechniker

Verwendungszeitraum

Kennzeichnung Matrix

7"

10“

12“

10 ¾

 

 

 

a

b

c

(d)

Otto Birckhahn

1904 - 1913

a/b/c

e

f

g

(h)

Otto Multhaupt

ca. 12/1904 - 31.12.1906

e/f/g

(j)

k

l

(m)

Guiseppe Gidino

1911 - 1912

 

n

o*

P

q

Max Birckhahn

1905 - 1918

n/o/p

s

t

w

 

Wilhelm Winkel

1908 - 1914

s/t/w

 

 

 

 

 

 

 

 

x

y

 

Billy Whitlock

1913

 

* Die o-Serie wurde mit Sicherheit auch nach der Übernahme durch Lindström kontinuierlich fortgesetzt, allerdings ohne Merkmal „o“. Ein eindeutiges Indiz für Max Birckhahn als Betreuer dieser Serie findet sich auf 1- 24245/6 mit den Matrizennummern 16082Bhn/16083Bhn, aufgenommen in Wien 1918.

 

Im Spiegel, der Raum zwischen der letzten Rille einer Schallplatte und dem Labeletikett, befinden sich - von der Matrizennummer und der Katalognummer abgesehen – gelegentlich eines der vier Symbole: I, IOI, III, II, höchstwahrscheinlich Indikatoren für verschiedene Pressmatrizen vom selben Negativ. 

 

Auf manchen Schallplatten ist am Label in der Mitte rechts (auf 3Uhr) das Aufnahmedatum explizit angegeben. Manchmal in einer in Europa üblichen Form, manchmal sogar, und hier ist eine weitere Besonderheit dieser interessanten Plattenfirma: In arabisch geschriebenen Ziffern und verkehrt zu lesen, z.B. „60 7 12“ zu sehen als 21.7.1906

Die Zuordnungen lassen sich an Hand nachfolgender Tabelle treffen:

 

Hier ein Beispiel für die Verwendung arabischer Schrift zur Kenntlichmachung des Aufnahmedatums: Oben rechts, auf etwa 3.00 Uhr befinden sich die arabischen Schriftzeichen, die uns nach der Dekodierung nach dem oben genannten Schlüssel, das Aufnahmedatum verraten: 19.03.1912 (22). 

 

Interessant zudem ist außerdem noch die Gravur im Spiegel „FW“ (auf 12.00 Uhr). Sollte es sich dabei um den Aufnahmetechniker Fritz Winkel handeln? An dieser Stelle muss ich meine Vermutung jedoch korriegieren. Nach Auskunft der Diskografen Hugo Ströthbaum und auch Christian Zwarg handelt es sich bei dieser Gravor nicht um den Aufnahmetechniker Fritz Winkel, sondern es ist ein Hinweis darauf, dass diese Platte in Wien, "Favorite Wien" aufgenommen wurde.

Da die Firma Favorite Record 1913 mehrheitlich und 1915 ganz in den Besitz der Firma Lindström überging, tauchen Favoriteaufnahmen auch auf Labels mit Nahverhältnis zu dieser Firma auf, namentlich auf amerikanischen Odeon- und Columbia Veröffentlichungen. (23)

Doch trotz aller Bemühungen sich an der Spitze zu halten – es wurden sogar technische
Veränderungen am Vorgang der Plattenpressung vorgenommen, so z.B. wurde ein Kopierschutz eingeführt (ein Bildmuster in der Einlaufrille), konnte die Favorite Record nicht überleben.

1913, noch vor Ausbruch des 1. Weltkrieges wurde sie von dem „Schallplattenmagnaten“ Carl Lindström, dem späteren Gründer der Universal Film AG (UFA) übernommen. Die Carl Lindström AG erwarb die Aktienmajorität an der Favorite Record und gliederte sie ab
1915 vollständig in den Carl Lindström Konzern ein, womit das Ende der Lindener Plattenindustrie besiegelt war. Ab 1919 wurden die unter der Leitung der Favorite – Toningenieure, Otto Multhaupt, Otto und Max Birckhahn gefertigten Aufnahmen unter anderen auch bei den Sublabels der Carl Lindstöm AG Okeh (24), Beka oder ERA – El Gaucho Relámpago (Eigentümer des Label war Carlos Nasca (25)) veröffentlicht (26) , bzw. wurden auch umgekehrt Matrizen der genannten Label unter dem Signet Favorite Record publiziert. (27) 1926 war das letzte Jahr, in dem Musik explizit unter dem Labelnamen Favorite Record erschienen waren.

oben: Schon an Hand der Labeletiketten wird eine gewisse Nähe zu dem anderen Sublabel der Carl- Lindström AG, der ERA, deutlich: Während der „Gaucho“ auf dem Etikett der Favorite Record (28) mit in die Höhe gereckter Favorite Record in einen mutmaßlichen Wettlauf das Feld anführt, lässt es der „Gaucho“ auf der ERA-Pressung (29) etwas ruhiger angehen. (zum vergrößern einfach anklicken)

 

Sollten also einmal tatsächlich argentinische Tangos auf dem Favorite Record Plattenlabel erschienen und in Hannover-Linden, in der Leinaustrasse 27 gepresst worden sein, ließe sich solches mit den oben beschriebenen Indizien, wie Matrizennummer, Katalognummer und natürlich dem Labeletikett mit dem Vermerk „Reproduced in Linden“, feststellen. Um dies herauszufinden, muss unter den weltweit vertriebenen und heute noch erhaltenen Schellackplatten der Favorite Record eine Schellackplatte auftauchen, die all diese Kriterien erfüllt. 

 

Dann ist mit Sicherheit davon auszugehen, dass der Tango schon etwas mit Hannover-Linden zu tun hat, wenn auch nur marginal. Die musikalische, kompositorische und künstlerische Ausprägung und Ausstattung dieses Genres ist tatsächlich am Río de la Plata zu verorten, aber immerhin ist es möglich, daß die in Hannover-Linden einst vorhandene Plattenindustrie großen Anteil an der Popularisierung dieses Genres gehabt hat. 

 

© Martin C.Wolfstein 06/15 

Quellen: 

 

1 http://www.breker.com/english/edison_phonograph_idelia.html zuletzt eingesehen am 06.06.15 

2 Curt Riess: Knaurs Weltgeschichte der Schallplatte, Droemersche Verlagsanstalt, Zürich 1966, S. 27 ff..
3 https://www.liveauctioneers.com/item/36708815_rare-original-gramophone-by-emile-berliner-1890 zuletzt eingesehen am 20.05.15 
4 http://www.emil-berliner-studios.com/de/chronik1.html zuletzt eingesehen am 12.02.15 
5 Stefan Puille Vom sanften Ton zum starken Sound, Vortrag im Museum für Energiegeschichte, Hannover, 24.04.15 und auch Fabrizio / Paul The Talkingmachines – an Illustrated Compendium 1877-1929, Schiffer Books, 1997 S. 27
6 Otto Birckhahn: Schallplatten-Fabrikation, in http://grammophonplatten.de/e107_plugins/forum/forum_viewtopic.php?30304 zuletzt eingesehen am 18.05.15 
7 Hier wird Name Birkhahn´s mit „c“ wiedergegeben. Anm.d.Verfassers 
8 Der Begriff „Sprechmaschine“ geht auf den Phonographen zurück, denn der wurde auch als Diktiergerät eingeset. Anm. d. Verf. 
9 http://www.myheimat.de/hannover-calenberger-neustadt/kultur/hannover-juedischer-unternehmer-joseph-berlinerstarb-vor-75-jahren-d2526965.html zuletzt eingesehen am 07.02.15 
10 http://i.ebayimg.com/t/Reklame-Favorite-Record-AG-Hannover-Linden-Schallplatten-Sprechapparate- 1914-/00/s/Mjc2WDU2NQ==/z/Xl8AAMXQJRhRbvBE/$T2eC16ZHJHoE9n3KfvN+BRbvBDqSRg~~60_12.JPG, zuletzt eingesehen am 06.01.15 
11 http://grammophon-platten.de/print.php?plugin:forum.13595 zuletzt eingesehen am 11.05.15 
12 Original: The Record News – The journal of Indian Record Collectors Vol.16 Oct 1994, Colaba, Bombay (Mumbai), India
13 http://grammophon-platten.de/e107_plugins/forum/forum_viewtopic.php?30304 zuletzt eingesehen am 18.05.15
14 Vgl.: HAZ, 29.März 1999 
15 http://www.brazilianmusicday.org/files/BRAZIL_78s.pdf zuletzt eingesehen am 03.01.15 
16 https://www.facebook.com/permalink.php?story_fbid=1467793790117487&id=1401202273443306 zuletzt eingesehen am 19.03.15 
17 http://www.ebay.de/itm/161562200379?_trksid=p2060353.m1438.l2648&ssPageName=STRK%3AMEBIDX %3AIT u.a. zuletzt eingesehen am 23.04.15
18 Ebd. zuletzt eingesehen am 19.03.15 
19 http://www.clubdetango.com.ar/lucci/payadores.html zuletzt eingesehen am 19.05.15 
20 https://sites.google.com/site/franciscocanarodiscografia/grabaciones-en-orden-cronologico/grabaciones-acusticas zuletzt eingesehen am 13.05.15 
21 Favorite_Revisited: an update, Hugo Strötbaum, Utrecht, May 2008 S. 9f in www.recordingpioneers.com zuletzt eingesehen am 19.05.15
22 http://www.ebay.de/itm/78rpm-Favorite-1-71913-SOKOLSKA-KAPELA-NEPOVEZ-TO-NA-MNE-YCERAMNE-SLUNECKO-SVIT-/160658226627?pt=LH_DefaultDomain_16&hash=item2567f9fdc3 zuletzt eingesehen am 26.05.15 
23 Vgl. http://archiv.phonomuseum.at/includes/content/diskographie/diskographie_handbuch.pdf zuletzt eingesehen am 07.04.15
24 http://grammophon-platten.de/page.php?129 zuletzt eingesehen am 04.06.15 
25 http://tangoradioymashistorias.blogspot.de/2014/02/el-gaucho-relampago-24-de-febrero.html zuletzt eingesehen am 26.05.15 
26 http://www.tedstaunton.com/labels/1910_1919/pages/Favorite_Record_3/favorite_record_3.html zuletzt eingesehen am 12.05.15 
27 http://www.tedstaunton.com/labels/1910_1919/pages/Favorite_Record_6/favorite_record_6.html zuletzt eingesehen am 12.05.15 
28 http://www.ebay.de/itm/161562200379?_trksid=p2060353.m1438.l2648&ssPageName=STRK%3AMEBIDX %3AIT zuletzt eingesehen am 04.06.15 
29 http://www.google.de/imgres?imgurl=http://mla-s2-p.mlstatic.com/tango-circa-1900-rondalla-del-gauchorelampago-disco-era-5-15749-MLA20108577621_062014- F.jpg&imgrefurl=http://articulo.mercadolibre.com.ar/MLA-559276210-tango-circa-1900-rondalla-del-gauchorelampago-disco-era-5- _JM&h=900&w=1200&tbnid=IC1eE7uagYpFLM:&zoom=1&tbnh=104&tbnw=139&usg=__xurkiUwXaPoEbRa1 RV5Oy4qXIyY=&docid=ZVxqZVmVC01c4M&itg=1 zuletzt eingesehen am 04.06.15

Auf den Seiten der Favorite-Record.com erhalten Sie Informationen über dieses Label, seine Historie, die Produktion von Schellackplatten, Phonographen, Grammophone und deren Verbreitung. 

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